„Jedes mal wenn Tony Leung sich die
Haare zurückgelt, diese Anzüge trägt und
mit einer Chinesin im Seidenkleid auftritt, muss
man automatisch an Wong Kar Wai denken.“ –
Ang Lee
Hongkong in den 60er Jahren: Wongs Mutter hat
mit ihrem Sohn Shanghai endgültig den Rücken
gekehrt. Die neue Heimat ist den beiden fremd.
Auch die Sprache verstehen sie kaum. Ihre Freizeit
verbringt die filmverrückte Frau am liebsten im
Kino. Immer mit dabei: der kleine Wong. Vor lauter
Reizüberflutung kann er sich an die einzelnen
Filme bald gar nicht mehr erinnern. Was bleibt,
sind die Bilder, die in seinem Kopf immer neue
Geschichten entstehen lassen. Jahre später wird
er selbst die Zuschauer zum Träumen anregen,
sie in fremde, magische Filmwelten versetzen und
ihnen mit seiner Inszenierungs-Kunst die Sprache
verschlagen.
Wong Kar Wai, 1956 in Shanghai geboren, hatte
es in seinem Leben nicht leicht. Doch ohne jemals
eine Filmhochschule besucht zu haben,
wurde er zum berühmtesten Regisseur Hongkongs,
der sich heute vor Preisen und Huldigungen
seitens der Presse oder seiner Fans kaum
retten kann.
Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus, dass
es ihn ins Filmgewerbe verschlägt. Am renommierten
Hong Kong Polytechnic College studierte
Wong Grafikdesign und machte 1980 seinen Abschluss.
Danach arbeitete er zwei Jahre als Produktionsassistent
beim Fernsehen, doch sein
kreatives Potenzial konnte er im routinierten TVBetrieb
nicht ausschöpfen. Wong nahm sein
Glück selbst in die Hand und begann mit dem
Drehbuch-Schreiben. Auf Anhieb hatte er Erfolg:
Für sein Script zu Patrick Tams FINAL VICTORY
(1987) erntete Wong großes Lob. Tam glaubte an
die Fähigkeiten des aufstrebenden „Ausländers“
und verhalf ihm zu seinem Regiedebüt.
AS TEARS GO BY (1988), eine eigenwillige Mischung
aus Gangster- und Liebesfilm, wurde bei
den Hong Kong Film Awards in sage und Schreibe
10 Kategorien nominiert. Selbst in Cannes, wo
sein wahrlich wildes Werk für die Sektion Semaine
de la Critique ausgewählt wurde, bekam Wong
viel Applaus. Sein und unser Glück ist vor allem
aber, dass er mit der bezaubernden Maggie
Cheung seine langjährige Filmmuse findet. So
groß der Erfolg auch war, umso größer wird der
Druck zwei Jahre später für Wongs Nachfolger.
Mit DAYS OF BEING WILD erzählt er radikal von
zufälligen Begegnungen und Leidenschaften
sechs rebellischer Menschen auf der vergeblichen
Suche nach Liebe und Halt im Hongkong der
sechziger Jahre. Erstmals bildet Wong eine fruchtbare
Arbeits-Allianz mit dem zu Exzessen neigenden
Kameragenie Chris Doyle. Gemeinsam
schaffen sie stilprägende, poetische Bilder, die von
jedem Anklang an schnöden Alltagsrealismus gereinigt
wurden. Obwohl DAYS OF BEING WILD mit
Stars besetzt ist und bei den Hongkong Awards
eine Reihe von Auszeichnungen erhält, u.a. als bester
Film, wird er ein Flop. Die Einspielergebnisse
sind sogar so schlecht, dass Wong seine bereits
halb fertig gestellte Fortsetzung aufgibt. Er ist am
Boden zerstört.
In einem Gewaltakt will Wong das Ruder wieder
herumreißen. Doch der extravagante Martial-Arts-Film ASHES OF TIME (1994) will und will nicht
fertig werden. Nach zwei Jahren Produktionszeit
ist das Budget restlos überzogen, die Karrieren der
Schauspielstars sind kurzzeitig lahmgelegt. Wong
scheint zu spüren, dass auch dieses Werk an der
Kasse scheitern könnte, und dreht deshalb in der
ASHES OF TIME-Nachbearbeitungsphase eilig
CHUNGKING EXPRESS (1994) herunter. Und tatsächlich:
Den Kostümfilm will, trotz Elogen, niemand
sehen (auf dem Asia Filmfest kann man
sich endlich in der Redux-Fassung überzeugen,
dass die Zuschauer damals falsch lagen).
Aber in der Hinterhand hat Wong ja noch diesen
atemberaubend-frischen, hochästhetischen Episodenfilm
in der Tasche: CHUNGKING EXPRESS
wird zum weltweit gefeierten Kultfilm und bringt
Wong den Ruf eines "chinesischen Quentin Tarantino"
ein. Von nun an kennt seine Karriere nur
eine Marschrichtung: nach oben. Ob melodramatischer
Killerthriller (FALLEN ANGELS, 1995), homosexuelles
Liebesdrama (HAPPY TOGETHER,
1997) oder Beziehungsstudie (IN THE MOOD
FOR LOVE, 2000). Es hagelt
Preise und Hymnen auf die formale
Brillanz seiner Werke. Nur für
2046, die lose Fortsetzung von IN
THE MOOD FOR LOVE, wird
Wong seinem Motto: „Ich spiele
mit dem Gefühl der Ungewissheit“
allzu sehr gerecht. An dem
komplexen Beziehungsreigen doktert
er so lange herum, dass der
anvisierte Cannes-Start ins Wasser
zu fallen droht. Aufgrund angeblicher
„Transportschwierigkeiten“
findet erstmals in der Geschichte
des Festivals die Pressevorführung
zeitgleich mit der Galavorführung
statt. Doch nach der Weltpremiere sind alle beruhigt.
Der Hongkong-Magier hat ein fantastisch bebildertes,
philosophisches Filmei aus dem Hut
gezaubert, das in seiner Machart einmalig ist.
Wie zur Belohnung wird Wong zum Jury-Präsidenten
des 60. Cannes Film Festivals befördert.
Zwischen all den kräftezehrenden Dreharbeiten
findet Wong immer wieder die Zeit, Werbefilme
(BMW) oder Musikvideos (DJ Shadow) zu drehen
oder mal eben so die opulente Hochzeit seines
Freundes Tony Leung zu inszenieren. Zudem arbeitete
Wong mit Gong Li und Chang Chen in den
Hauptrollen an der Eröffnungsepisode des aus
drei Teilen bestehenden Films EROS (2004) dessen
andere beiden Teile von keinen geringeren
als Steven Soderbergh und Michelangelo Antonioni
stammen.
Zuletzt zieht es ihn mit MY BLUEBERRY NIGHTS
(der Liebesfilm mit Norah Jones und Jude Law
wurde letztes Jahr als Überraschungsfilm auf dem
Asia Filmfest gezeigt) in die Staaten. Einer Entwicklung,
der er mit seinem kommenden Projekt
THE LADY FROM SHANGHAI wohl treu bleibt.
Bleibt zu hoffen, dass er dabei – im Gegensatz zu
anderen US-Reisenden in Sachen Regie – nicht
seinen einzigartigen Stil verliert: seinen meisterhaften
Sinn für Improvisation (er arbeitet nie mit
fertigem Drehbuch), sein Talent, mit poetischen
Bildern und Musik eine melancholische Stimmung
zu erzeugen, seine süchtig machenden Kameraaufnahmen
mit ihrer Mischung aus
Unschärfe, Reißschwenks und Zeitlupen, seine
unnachahmliche Schauspielführung und sein
immer wiederkehrendes Filmthema vom Suchen
und Finden der Liebe. (Florian Koch)
Das Asia Filmfest ehrt den genialen Regisseur mit
einer umfassenden Retrospektive.
Preise:
1997: Bester Regisseur, Cannes
Film Festival (HAPPY TOGETHER)
2001: Bester Ausländischer Film,
César (IN THE MOOD FOR LOVE)
2000: Screen International Award,
Europäischer Filmpreis (IN THE
MOOD FOR LOVE)
…über den Prozess des Filmemachens:
„Es ist, wie wenn man sich in eine gefährliche Frau
verliebt.“
…zu seiner Arbeitsweise:
„Ich bin wie ein Komponist. Schauspieler und Drehorte
sind Instrumente, und ich muss dafür sorgen,
dass sie miteinander harmonieren. Fast alle Stars
meines Films kenne ich gut, wir sind fast wie eine
Familie. Sie wissen, wie ich arbeite und was nötig ist
für den Film.
…über sein Selbstverständnis als Regisseur:
„Ich würde sagen, dass ich eigentlich einen einzigen
langen Film mache. Und jeder einzelne Film ist
wie eine Szene dieses langen Films. Und ich weiß
nicht, wie dieser Film sein wird, wie lang dieser Film
sein wird. Vielleicht, wenn ich mal aufhöre Filme zu
machen und zurück schaue, dann merke ich, wie
lang dieser Film ist, und worum es geht.“
…was ihn zu seinen Filmen inspiriert:
„Der Moment, an dem ich zum ersten Mal einen
fremden Ort erlebe, ist sehr wichtig für mich, sehr
privat und sehr persönlich. Du wachst vielleicht gerade
auf, nach 18 Stunden im Flugzeug, du gehst
nach draußen, du atmest tief durch – und du reagierst
auf den Ort. Ich habe versucht, solche Momente,
die ich bei den Vorbereitungen erlebt habe,
mit einer Fotokamera festzuhalten, um sie für den
Film dann neu zu erschaffen.“
…über die Wichtigkeit des Drehortes:
„Wenn ich anfange, einen Film zu drehen, muss ich
erst den Raum kennen, den Ort, das Umfeld. Aus
einer simplen Straßenecke lässt sich ein langer Film
machen. Also suche ich einen Ort, und dann überlege
ich: Welche Menschen hängen hier ab, was ist
der spezifische Klang dieses Ortes... Ich zeige eine
Person und überlege mir: Wo wohnt sie? In einer
Pension oder mit der Familie? Wenn die Person mit
ihrer Familie zusammenlebt, wie viele Menschen
wohnen dann dort gemeinsam unter einem Dach?
Mutter, Großmutter oder wäre das zu viel?“
…über die Liebe als wichtiges Thema seiner Filme:
„Ich bin interessiert an den Vorfällen und Ereignissen,
die unser Leben besonders machen. Da sich
viele gerne an Beziehungen zurückerinnern, spielt
Liebe in meinen Filmen oft eine große Rolle.“
…zu der Bedeutung der Musik für seine Filme:
„Die Musik ist normalerweise mein Ausgangspunkt:
Sie gibt das Tempo vor. Bei HAPPY TOGETHER war
es ein Tango, für IN THE MOOD FOR LOVE war es
ein Walzer.
…zu den Veränderungen im asiatischen Kino der
letzten Jahre:
„Filme werden nicht mehr für das Publikum in
Hongkong oder in China gemacht, sondern zumindest
für die Chinesen in der ganzen Welt. Nehmen
Sie Filme wie HERO oder HOUSE OF FLYING
DAGGERS – ich würde in dem Zusammenhang nicht
von Hongkong- oder chinesischen Filmen, sondern
eher von panasiatischen Produktionen sprechen. Es
sind auch japanische Künstler beteiligt, Koreaner.
Alles ist sehr aufwendig. Das wird der Trend sein für
die nächsten Jahre.“
…wie es dazu kommt, dass er immer eine Sonnenbrille
trägt:
„Durch Zufall. Früher in Hongkong habe ich manchmal
24 oder 48 Stunden nonstop gedreht, da
musste ich meine Augen schützen. Heute ist diese
Brille wie eine Uniform: Sie zeigt an, dass ich zur Arbeit
gehe. Brillenlos kennen mich nur meine Frau
und meine Kinder.“
Wong Kar Wai und Christopher Doyle
am Set von IN THE MOOD FOR LOVE
(2000)