Asia Filmfest 2008
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Munich, Oct. 30 - Nov. 9 | Berlin & Hamburg, Nov. 14 - 16, 2008  
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„Jedes mal wenn Tony Leung sich die Haare zurückgelt, diese Anzüge trägt und mit einer Chinesin im Seidenkleid auftritt, muss man automatisch an Wong Kar Wai denken.“ – Ang Lee
Hongkong in den 60er Jahren: Wongs Mutter hat mit ihrem Sohn Shanghai endgültig den Rücken gekehrt. Die neue Heimat ist den beiden fremd. Auch die Sprache verstehen sie kaum. Ihre Freizeit verbringt die filmverrückte Frau am liebsten im Kino. Immer mit dabei: der kleine Wong. Vor lauter Reizüberflutung kann er sich an die einzelnen Filme bald gar nicht mehr erinnern. Was bleibt, sind die Bilder, die in seinem Kopf immer neue Geschichten entstehen lassen. Jahre später wird er selbst die Zuschauer zum Träumen anregen, sie in fremde, magische Filmwelten versetzen und ihnen mit seiner Inszenierungs-Kunst die Sprache verschlagen.
Wong Kar Wai, 1956 in Shanghai geboren, hatte es in seinem Leben nicht leicht. Doch ohne jemals eine Filmhochschule besucht zu haben, wurde er zum berühmtesten Regisseur Hongkongs, der sich heute vor Preisen und Huldigungen seitens der Presse oder seiner Fans kaum retten kann.
Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus, dass es ihn ins Filmgewerbe verschlägt. Am renommierten Hong Kong Polytechnic College studierte Wong Grafikdesign und machte 1980 seinen Abschluss. Danach arbeitete er zwei Jahre als Produktionsassistent beim Fernsehen, doch sein
kreatives Potenzial konnte er im routinierten TVBetrieb nicht ausschöpfen. Wong nahm sein Glück selbst in die Hand und begann mit dem Drehbuch-Schreiben. Auf Anhieb hatte er Erfolg: Für sein Script zu Patrick Tams FINAL VICTORY (1987) erntete Wong großes Lob. Tam glaubte an die Fähigkeiten des aufstrebenden „Ausländers“ und verhalf ihm zu seinem Regiedebüt.
AS TEARS GO BY (1988), eine eigenwillige Mischung aus Gangster- und Liebesfilm, wurde bei den Hong Kong Film Awards in sage und Schreibe 10 Kategorien nominiert. Selbst in Cannes, wo sein wahrlich wildes Werk für die Sektion Semaine de la Critique ausgewählt wurde, bekam Wong viel Applaus. Sein und unser Glück ist vor allem aber, dass er mit der bezaubernden Maggie Cheung seine langjährige Filmmuse findet. So groß der Erfolg auch war, umso größer wird der Druck zwei Jahre später für Wongs Nachfolger.
Mit DAYS OF BEING WILD erzählt er radikal von zufälligen Begegnungen und Leidenschaften sechs rebellischer Menschen auf der vergeblichen Suche nach Liebe und Halt im Hongkong der sechziger Jahre. Erstmals bildet Wong eine fruchtbare Arbeits-Allianz mit dem zu Exzessen neigenden Kameragenie Chris Doyle. Gemeinsam schaffen sie stilprägende, poetische Bilder, die von jedem Anklang an schnöden Alltagsrealismus gereinigt wurden. Obwohl DAYS OF BEING WILD mit Stars besetzt ist und bei den Hongkong Awards eine Reihe von Auszeichnungen erhält, u.a. als bester Film, wird er ein Flop. Die Einspielergebnisse sind sogar so schlecht, dass Wong seine bereits halb fertig gestellte Fortsetzung aufgibt. Er ist am Boden zerstört.
In einem Gewaltakt will Wong das Ruder wieder herumreißen. Doch der extravagante Martial-Arts-Film ASHES OF TIME (1994) will und will nicht fertig werden. Nach zwei Jahren Produktionszeit ist das Budget restlos überzogen, die Karrieren der Schauspielstars sind kurzzeitig lahmgelegt. Wong scheint zu spüren, dass auch dieses Werk an der Kasse scheitern könnte, und dreht deshalb in der ASHES OF TIME-Nachbearbeitungsphase eilig CHUNGKING EXPRESS (1994) herunter. Und tatsächlich: Den Kostümfilm will, trotz Elogen, niemand sehen (auf dem Asia Filmfest kann man sich endlich in der Redux-Fassung überzeugen, dass die Zuschauer damals falsch lagen).
Aber in der Hinterhand hat Wong ja noch diesen atemberaubend-frischen, hochästhetischen Episodenfilm in der Tasche: CHUNGKING EXPRESS wird zum weltweit gefeierten Kultfilm und bringt
Wong den Ruf eines "chinesischen Quentin Tarantino" ein. Von nun an kennt seine Karriere nur eine Marschrichtung: nach oben. Ob melodramatischer Killerthriller (FALLEN ANGELS, 1995), homosexuelles Liebesdrama (HAPPY TOGETHER, 1997) oder Beziehungsstudie (IN THE MOOD FOR LOVE, 2000). Es hagelt Preise und Hymnen auf die formale Brillanz seiner Werke. Nur für 2046, die lose Fortsetzung von IN THE MOOD FOR LOVE, wird Wong seinem Motto: „Ich spiele mit dem Gefühl der Ungewissheit“ allzu sehr gerecht. An dem komplexen Beziehungsreigen doktert er so lange herum, dass der anvisierte Cannes-Start ins Wasser zu fallen droht. Aufgrund angeblicher „Transportschwierigkeiten“ findet erstmals in der Geschichte des Festivals die Pressevorführung zeitgleich mit der Galavorführung statt. Doch nach der Weltpremiere sind alle beruhigt. Der Hongkong-Magier hat ein fantastisch bebildertes, philosophisches Filmei aus dem Hut gezaubert, das in seiner Machart einmalig ist.
Wie zur Belohnung wird Wong zum Jury-Präsidenten des 60. Cannes Film Festivals befördert. Zwischen all den kräftezehrenden Dreharbeiten findet Wong immer wieder die Zeit, Werbefilme (BMW) oder Musikvideos (DJ Shadow) zu drehen oder mal eben so die opulente Hochzeit seines Freundes Tony Leung zu inszenieren. Zudem arbeitete Wong mit Gong Li und Chang Chen in den Hauptrollen an der Eröffnungsepisode des aus drei Teilen bestehenden Films EROS (2004) dessen andere beiden Teile von keinen geringeren als Steven Soderbergh und Michelangelo Antonioni stammen.
Zuletzt zieht es ihn mit MY BLUEBERRY NIGHTS (der Liebesfilm mit Norah Jones und Jude Law wurde letztes Jahr als Überraschungsfilm auf dem Asia Filmfest gezeigt) in die Staaten. Einer Entwicklung, der er mit seinem kommenden Projekt THE LADY FROM SHANGHAI wohl treu bleibt. Bleibt zu hoffen, dass er dabei – im Gegensatz zu anderen US-Reisenden in Sachen Regie – nicht seinen einzigartigen Stil verliert: seinen meisterhaften Sinn für Improvisation (er arbeitet nie mit fertigem Drehbuch), sein Talent, mit poetischen Bildern und Musik eine melancholische Stimmung zu erzeugen, seine süchtig machenden Kameraaufnahmen mit ihrer Mischung aus Unschärfe, Reißschwenks und Zeitlupen, seine unnachahmliche Schauspielführung und sein immer wiederkehrendes Filmthema vom Suchen und Finden der Liebe. (Florian Koch)
Das Asia Filmfest ehrt den genialen Regisseur mit einer umfassenden Retrospektive.
 
Preise:

1997: Bester Regisseur, Cannes
Film Festival (HAPPY TOGETHER)

2001: Bester Ausländischer Film,
César (IN THE MOOD FOR LOVE)

2000: Screen International Award,
Europäischer Filmpreis (IN THE
MOOD FOR LOVE)

2004: Bester nicht-europäischer
Film, Europäischer Filmpreis (2046)
Wong Kar Wai

…über den Prozess des Filmemachens:
„Es ist, wie wenn man sich in eine gefährliche Frau verliebt.“

…zu seiner Arbeitsweise:
„Ich bin wie ein Komponist. Schauspieler und Drehorte sind Instrumente, und ich muss dafür sorgen, dass sie miteinander harmonieren. Fast alle Stars meines Films kenne ich gut, wir sind fast wie eine Familie. Sie wissen, wie ich arbeite und was nötig ist für den Film.

…über sein Selbstverständnis als Regisseur:
„Ich würde sagen, dass ich eigentlich einen einzigen langen Film mache. Und jeder einzelne Film ist wie eine Szene dieses langen Films. Und ich weiß nicht, wie dieser Film sein wird, wie lang dieser Film sein wird. Vielleicht, wenn ich mal aufhöre Filme zu machen und zurück schaue, dann merke ich, wie lang dieser Film ist, und worum es geht.“

…was ihn zu seinen Filmen inspiriert:
„Der Moment, an dem ich zum ersten Mal einen fremden Ort erlebe, ist sehr wichtig für mich, sehr privat und sehr persönlich. Du wachst vielleicht gerade auf, nach 18 Stunden im Flugzeug, du gehst nach draußen, du atmest tief durch – und du reagierst auf den Ort. Ich habe versucht, solche Momente, die ich bei den Vorbereitungen erlebt habe, mit einer Fotokamera festzuhalten, um sie für den Film dann neu zu erschaffen.“

…über die Wichtigkeit des Drehortes:
„Wenn ich anfange, einen Film zu drehen, muss ich erst den Raum kennen, den Ort, das Umfeld. Aus einer simplen Straßenecke lässt sich ein langer Film machen. Also suche ich einen Ort, und dann überlege ich: Welche Menschen hängen hier ab, was ist der spezifische Klang dieses Ortes... Ich zeige eine Person und überlege mir: Wo wohnt sie? In einer Pension oder mit der Familie? Wenn die Person mit ihrer Familie zusammenlebt, wie viele Menschen wohnen dann dort gemeinsam unter einem Dach? Mutter, Großmutter oder wäre das zu viel?“

…über die Liebe als wichtiges Thema seiner Filme:
„Ich bin interessiert an den Vorfällen und Ereignissen, die unser Leben besonders machen. Da sich viele gerne an Beziehungen zurückerinnern, spielt Liebe in meinen Filmen oft eine große Rolle.“

…zu der Bedeutung der Musik für seine Filme:
„Die Musik ist normalerweise mein Ausgangspunkt: Sie gibt das Tempo vor. Bei HAPPY TOGETHER war es ein Tango, für IN THE MOOD FOR LOVE war es ein Walzer.

…zu den Veränderungen im asiatischen Kino der letzten Jahre:
„Filme werden nicht mehr für das Publikum in Hongkong oder in China gemacht, sondern zumindest für die Chinesen in der ganzen Welt. Nehmen Sie Filme wie HERO oder HOUSE OF FLYING
DAGGERS – ich würde in dem Zusammenhang nicht von Hongkong- oder chinesischen Filmen, sondern eher von panasiatischen Produktionen sprechen. Es sind auch japanische Künstler beteiligt, Koreaner. Alles ist sehr aufwendig. Das wird der Trend sein für die nächsten Jahre.“

…wie es dazu kommt, dass er immer eine Sonnenbrille trägt:
„Durch Zufall. Früher in Hongkong habe ich manchmal 24 oder 48 Stunden nonstop gedreht, da musste ich meine Augen schützen. Heute ist diese Brille wie eine Uniform: Sie zeigt an, dass ich zur Arbeit gehe. Brillenlos kennen mich nur meine Frau und meine Kinder.“
 
Wong Kar Wai und Christopher Doyle
am Set von IN THE MOOD FOR LOVE (2000)

 
Faye Wong und Maggie Cheung in 2046
 
 
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