MAN JEUK
Drama
Hongkong 2008 · 87 Min. · Regie: Johnnie To
Darsteller: Simon Yam, Kelly Lin, Lam Ka Tung u.a.
Weltvertrieb: Universe · Verleih: MFA+ Filmdistribution
35mm · OmdU · Erstaufführung
Es gibt eine gewisse Seelenverwandtschaft
zwischen Filmemachern und Taschendieben:
in der virtuosen Perfektionierung des Handwerks,
im möglichst eleganten Tricksen, im Täuschen. Ein
Regisseur wie Johnnie To muss eine Figur wie Kei
(Simon Yam) einfach lieben: Der dirigiert gutmütig,
aber bestimmt sein Team von Kleinkriminellen. Bis
eine schöne Frau (Kelly Lin) auftaucht und der Viererbande
den Kopf verdreht, sie in die Bredouille
bringt – um sie dann für ihre ganz eigenen Zwecke
einzuspannen.
Vor allem aber: Was wäre das Kino ohne die künstlerische
Aneignung fremden (geistigen) Eigentums?
SPARROW ist Johnnie Tos große, geniale Verbeugung
vor allem vor seinen französischen Vorbildern.
Den Taschendieb als Bohémien hat er von Robert
Bressons PICKPOCKET. Von der frühen Nouvelle
Vague hat er das Gefühl der Leichtigkeit – die melancholische
Ahnung, dass die Liebe ein Vogel ist,
der einem so schnell zu – wie davonfliegt. Und von
Jacques Demy kommt – ohne dass hier ein Ton gesungen
würde – das Musical-Feeling.
SPARROW ist Johnnie Tos LES PARAPLUIES DE
HONG KONG, sein "Stealin' in the Rain". Nicht nur
beim unglaublichen, viertelstündigen, waffenlosen
Showdown im strömenden Regen ist alles Rhythmus,
ist jede Bewegung Choreographie. Hier wird
der bloße Austausch einer Zigarette zur schönsten
Erotikszene des Kinojahrs.
Mit diesem Film erhielt To den Ritterschlag einer
Teilnahme am offiziellen Wettbewerb der diesjährigen
Berlinale – wo man angesichts von soviel
purem Kino freilich etwas verunsichert war; so recht
wollte sich das nicht fügen in das Umfeld gediegensozialkritischer,
bloßer Filme.
Nein, SPARROW ist nichts für Leute, die im Kino die
Zerknirschung suchen – es ist eine einzige, fantastische
Glückspille. Hier bekommt sogar der vermeintliche
Bösewicht einen unerwarteten Moment
menschlicher Größe spendiert. Und nebenbei gibt
To – durch das Kameraauge seines Protagonisten
– auch noch der Stadt Hongkong seine Liebeserklärung
ab. (tw)
SPARROW ist für Zuschauer ab 12 Jahren freigegeben.
"A gang of pickpockets led by Simon Yam is beguiled
by a mysterious lady on the run (Kelly Lin),
and their schemes start to fall apart. As often with
To, the conception of the film is slim, but the execution
is rich. There are the games and competitions,
the symmetries and repetitions, the offhand
motifs (here, cigarettes, cigars, and pipes), the geometrical
and arithmetical plot mechanics. SPARROW
is at once a loving tribute to old Hong Kong
Island (Simon’s hobby is black-and-white photography),
an unpredictable genre piece, and an
exercise in light-fingered filmmaking. It offers lessons
to Hollywood directors, if they have the wit to
learn them." (David Bordwell)
"The ease of the script's plotting, the combination
of good humor and posturing nonchalance of To’s
male actors, and Kelly Lin's surprisingly intriguing
performance as the magnetic femme are what
gives the warm blood to To's magnificent direction.
All the more 'classical' is this director for having one
of his smallest films be one of his best." (The Auteur's
Notebook)
Johnnie To
Geboren 1955 in Hongkong.
Beginnt seine Karriere
als Assistent und
Second Unit Director in den
legendären Shaw Brothers-Studios. Mit THE BIG HEAT
sorgte er 1988 erstmals
international für Aufsehen.
Er gilt mit seiner eigenen
Produktionsfirma
Milkyway Image als einer der
angesehensten und einflussreichsten
Regisseure und Produzenten Hongkongs.
Zu seinen Filmen zählen RUNNING OUT OF
TIME, THE MISSION, FULLTIME KILLER, ELECTION
1 + 2, EXILED und TRIANGLE. Momentan dreht er
seinen ersten internationalen Spielfilm, ein Remake des
Jean-Pierre Melville Klassikers LE CERCLE ROUGE.