Regisseur Kiyoshi Kurosawa ist ein filmisches
Chamäleon. Mit PULSE verpasste er dem JHorror-
Genre eine ordentliche Endzeitinfusion, sein
Serienkillerthriller CURE sezierte die Macht des
Bösen in der Tradition von David Lynch, das Pinkueiga
THE EXCITEMENT OF THE DO-RE-MI-FA GIRL
verquickte Comedy, Musical und Sexfilm, und um
Kurosawas weitere Werke wie LICENSE TO LIVE,
CHARISMA und BARREN ILLUSIONS zu huldigen,
fehlt hier leider der Platz.
Auch mit seinem neusten Film überrascht er wieder.
In einer unvergleichlichen Mischung aus Melancholie,
leisem Humor und präzisen
Beobachtungen folgt Kurosawa dem unaufhaltsamen
Niedergang einer japanischen Durchschnittsfamilie.
Patriarch Ryuhei Sasaki (Teruyuki Kagawa)
hat seinen angesehenen Job verloren, ohne Vorwarnung,
ohne Anerkennung seiner bisherigen Verdienste.
Den Respekt seiner Familie will er sich
jedoch bewahren, deshalb verlässt er auch weiterhin
jeden Morgen brav das Haus, Aktentasche unter
dem Arm, um geregelte Normalität vorzugaukeln.
Auch daheim verbergen sich hinter der Fassade des
Durchschnittshaushalts die Abgründe traditioneller
Familienverständnisse und sozialer Zwänge. Die
Mutter investiert ihre gesamte Energie in Putzen,
Kochen und Kindererziehung, der älteste Sohn verlässt
das Haus, um der amerikanischen Armee beizutreten,
der jüngere Sprössling wünscht sich nichts
sehnlicher als Klavierunterricht. Alle Schicksale, verwoben
durch familiäre Bande, sind geprägt von der
Unfähigkeit, sich trotz großer körperlicher Nähe auch
auf emotionaler Ebene näher zu kommen.
Wie in Zeitlupe lässt Kurosawa die Normalität der
Mittelschicht implodieren und richtet den Blick mit
unerbittlicher Beharrlichkeit auf die Malaise der japanischen
Gesellschaft. Die Einblicke in den Alltag
der Familie durchzieht ein kaum greifbares Grauen,
meisterhaft kreiert durch Kurosawas Gespür für Atmosphäre
und Sounddesign. Die Chance, dieses
schlicht meisterhafte Stücks Kino auf der großen
Leinwand erleben zu dürfen, sollte man sich auf keinen
Fall entgehen lassen. Denn mit seinen leisen
Tönen, der eindringlichen Charakterzeichnung und
subtiler Ironie zeigt Kurosawa mit TOKYO SONATA,
dass er derzeit zu den ambitioniertesten und besten
Filmemachern der Welt zählt. (gm)
In brillanter Weise operiert Kurosawa gekonnt mit
allen emotionalen Tonlagen, von tragischer Situationsverdichtung
bis humorvoller Ironie, von psychologischer
Detailstudie zu slapstickartigen Einlagen.
Er zeigt eine erkrankte Gesellschaft, in der alte Rollenklischees
nur noch eine unkontrollierbare Folge
von Fehlhandlungen und Missverständnissen in Bewegung
setzten. (Schnitt)
TOKYO SONATA is a portrait of a seemingly ordinary
Japanese family. The father who abruptly
loses his job conceals the truth from his family; the
eldest son in college hardly returns home; the
youngest son furtively takes piano lessons without
telling his parents; and the mother, who knows
deep down that her role is to keep the family together,
cannot find the will to do so. From the exterior,
all is normal and the same. But somehow, a
single, unforeseeable chasm has appeared within
the family, only to spread ever so quietly and
quickly to disintegrate them. (Cannes Film Festival)
Kyoshi Kurosawa
Geboren 1955 in Japan.
Arbeitet als Regisseur, Editor,
Drehbuchautor und
Schauspieler. Inzwischen
weltweit bekannt durch
seine düsteren und nihilistischen
Thriller und Horrorfilme.
Zu seinen über
30 Regiearbeiten zählen
CURE, PULSE, DOPPELGANGER,
LOFT und RETRIBUTION. Die Dramen
BRIGHT FUTURE und TOKYO SONATA wurden in
das offizielle Programm des Cannes Film Festivals
eingeladen; TOKYO SONATA (Un Certain Regard)
gewann den Jury-Preis.